Studierende der HS Merseburg unterstützen Flüchtlinge im Saalekreis

Engagement mit Hindernissen / ein Rückblick

Asylsuchende im Saalekreis befinden sich, wie in vielen Teilen Deutschlands, in einer prekären Situation. Isolation durch Heimunterbringung in entlegen Ortschaften wie Krumpa, bauliche Zustände, die nicht zum Wohlfühlen einladen, oder auch Mangel an sozialer Betreuung und Unterstützungsangeboten seitens der Betreiber. Sich im gesellschaftlichen Leben zu integrieren, wird noch erschwert, da es an Möglichkeiten die Landessprache zu erlernen oft mangelt. Eine Arbeit aufzunehmen ist in den allermeisten Fällen untersagt. Zum Nichts-Tun verdammt, ist für viele Geflüchteten das Ergebnis Lethargie, Resignation und Ausweglosigkeit.

Eine Seminargruppe der Hochschule Merseburg beginnt ihre Arbeit zunächst in Kooperation mit dem Betreiber, dem Betreuungs- und Integrationshilfeverein (BIH).  Das Flüchtlingsheim in Krumpa wurde erstmals im April 2013 besucht. Bei diesem Erstbesuch finden Absprachen zwischen Betreiber und Studierenden ohne die Bewohner/innen statt wobei erste Ideen besprochen werden. Nach dem Termin begegnen sich die Teilnehmenden des Seminars und die Menschen aus dem Heim und unterhalten sich, schließen erste Kontakte.

Die Atmosphäre in der Unterkunft wirkte angespannt. Früh viel auf, dass der Umgang seitens der Mitarbeitenden mit den Flüchtlingen ein sehr unpersönlicher, eher unfreundlicher ist. Darüber geäußerte Empörung und weitere Erfahrungen vor Ort entwickelten sich zu einem Standpunkt den viele Studierende teilen: für den Betreiber umfasst sein Aufgabenfeld primär die Verwaltung des Objekts, nicht die Betreuung oder Hilfe zur Integration der beherbergten Menschen. Anteilnahmen, Wertschätzung und Grundlagen sozialer Kompetenz werden vermisst.

Die baulichen Bedingungen führten zu noch größerem Unverständnis. Mit drei Personen auf etwa 15 Quadratmetern ist klar, dass hier niemand zu keinem Zeitpunkt einen ruhigen Moment für sich hat. Der Gemeinschaftsraum wird zwischenzeitlich zur Unterbringung einer neunköpfigen Familie genutzt. Zugang zu Bibliothek, Internet und Fahrrädern, zu wenig sanitäre Anlagen, ausfallende Heizungen und Warmwasser, kaputte Fenster und Türen, veraltete und kaputte Möbel und mehr, runden den Eindruck auch für Außenstehende ab. Immer wieder erhielten Bewohner/innen Rechnungen mit horrenden Summen für ihnen angelastete Beschädigungen. Dazu kamen Mietverträge zwischen Betreiber und Asylbewerbern, die es laut staatlicher Weisung gar nicht geben dürfte.

Deutsch-Sprech-Stunden, Kinderbetreuung, Stadtplan und mehr

Standpunkt der Studierendengruppe war von Anfang an, den Geflüchteten nicht einfach Angebote vorzusetzen, sondern gemeinsam zu eruieren und zu gestalten, welche Unterstützungsmöglichkeiten gebraucht werden. Zudem sollten die Tätigkeiten nicht die im Auftrag an den Betreiberverein beinhaltenden Anforderungen ersetzen, höchstens ergänzen.

Bei einem ersten Treffen in den Seminarräumen tauschten sich Flüchtlinge und Studierende über Ideen, Vorstellungen, Bedürfnisse und Wünsche aus. Dabei wurde offensichtlich, dass einige schwerwiegende Probleme seitens der Asylsuchenden, wie z.B. drohende Abschiebung, das Maß der gemeinsamen Handlungsmöglichkeiten übersteigt.

Deutsch als Fremdsprache zu erlernen stellt eine große Herausforderung dar. Aufgrund des kaum vorhandenen Angebots im Heim beschlossen ein Teil der Studierenden eine Deutsch-Sprech-Stunde einmal die Woche einzurichten. Im September 2013 fanden zudem zwei Intensiv-Wochen statt. Problem war nur, dass wenigen Tage vorher der Betreiber die Kooperation mit der Hochschulgruppe aufkündigte. Die Studierenden waren dem Betreiber schnell zu kritisch geworden und an den Belangen der Bewohner/innen interessiert. Einzelne erhielten Hausverbote. Die Suche nach neuen Räumen war unter Zeitdruck gerade noch geglückt. Davon war auch der Spiel- und Hausaufgaben-Nachmittag betroffen, den andere Studentinnen einmal pro Woche mit den Kindern der im Heim lebenden Familien organisierten.

Des Weiteren wurde sich bemüht, bei Problemen unterschiedlicher Art Hilfe anzubieten oder auch Begleitung zu Terminen in Ämtern, Behörden und Ärzten zu ermöglichen. Ein Nebeneffekt der gemeinsamen Arbeit sind die dadurch entstandenen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Geflüchteten und Studierenden.

Während des Seminars wurde auch eine mehrsprachige Stadtkarte von Merseburg erstellt und gedruckt, auf der für Flüchtlinge relevante Punkte wie Krankenhaus, Beratungsstellen u.Ä. auffindbar sind. Dies erschien notwendig da Neuankömmlinge lediglich am Tag ihrer Ankunft eine Rundfahrt nach Merseburg erhielten, bei der ihnen der Fahrer relevante Ort zeigte – Umgangssprache wie immer: Deutsch.

Sammelaktionen wurden gestartet – einerseits Kleidung und Gebrauchsutensilien, andererseits Fahrräder und Reparaturmittel. Leider wurde letzteres vom Betreiber abgelehnt und das Gesammelte durfte nicht in die Unterkunft gebracht werden.

Da das juristische Wissen sowohl bei den Unterstützenden wie auch bei den Asylsuchenden oft mangelhaft ist, wurde gemeinsam mit Jura-Studierenden aus Halle eine Rechtshilfe-Veranstaltung zum Thema Asyl durchgeführt. Daran nahmen im Sommer etwa 70 Personen teil.

Der Betreiberverein profilierte sich zwischenzeitlich gerne damit, gemeinsam mit Studierenden vielerlei Angebote für die Bewohnenden zu bieten. Selbst in einem Flyer des Vereins wurde die Kooperation zur Selbstpräsentation genannt – nach Einverständnis wurden die Beteiligten nicht gefragt.

Saalekreis-Refugee-Association (SaRA) und weitere Vernetzung

Ermutigt auch durch die Begegnungen mit den Studierenden, gründeten Flüchtlinge im Mai 2013 eine eigene Gruppe um sich gemeinsam für ihre Belange einzusetzen. Es wurden Vertreter gewählt welche an Podiumsdiskussionen und Treffen teilnahmen. Die gemeinsame Arbeit hat sich seitdem intensiviert, lokal und überregional konnten Kontakte geknüpft werden und mit Hilfe des LAP Saalekreis konnte ein Projektraum als Anlaufstelle für die Flüchtlingsselbstorganisation geschaffen werden.

Ein wichtiger Höhepunkt der Arbeit war ein Treffen mit der Leitung des Sozialamtes. Hier ist man vom Konflikt zwischen dem Betreiber und der Unterstützergruppe wenig begeistert. Erstmals konnten Flüchtlinge selbst Kritikpunkte benennen. Eine Fortführung der Gespräche wird allseitig zugesichert.

Trotz absehbarem Ende des praxisnahen Seminars bleiben die Bedarfe aktuell. So wird nach Lösungen gesucht, die begonnene Unterstützungsarbeit langfristig sicherzustellen. Dies geschieht zunächst in Praktika und auch ehrenamtlich. Sprachangebote werden ausgebaut und weitere Freiwillige in der Hochschule und im Saalekreis gesucht. Ein Netzwerk soll entstehen, Projekte sind geplant und verschiedene Veranstaltungen stehen an. Ein erster professioneller Deutschkurs konnte im April starten.

Erste Gesprächsrunden mit Schüler/innen und auch Mitarbeitenden lokaler Einrichtungen fanden statt. Dabei berichten Flüchtlinge aus der Situation in ihren Herkunftsländern, den Gründen ihrer Flucht und den Erfahrungen europäischer Asylpolitik. Hierbei werden zwischenmenschliche Hürden überwunden, und eventuellen Vorurteilen mit Informationen begegnet. Am Ende stehen Sensibilisierung und Empathie durch Wissen.

Unterstützung und Mitarbeit sind dabei immer willkommen.

Informationen zur aktuellen Spendenaktion finden sich hier: PDF

Kontakt:

SARA-Unterstützer/innen: sara-support@riseup.net Koordinierungsstelle LAP Saalekreis: kontakt@lap-saalekreis.de

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s